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Daheim lernen vs. Homeschooling

Wir versuchen mit Hilfe von Zeitplänen und den Arbeitsaufgaben von der Schule sowas wie einen geregelten Alltag für die Familien aufzustellen und eben „daheim zu lernen“. Wie gut das gelingt, hängt von vielen täglich veränderlichen Faktoren ab, sowie nicht zuletzt von unserer Geduld und Einstellung. Wir Eltern sollten derzeit nicht den Anspruch verfolgen, sowas wie „Lehrer*innen“ für unsere Kinder zu sein, sondern Begleiter auf Augenhöhe und authentische Leitmenschen in einer ganz besonders herausfordernden Zeit. – Das was wir derzeit im dem Virus Covid-19 geschuldeten „Lockdown“ machen, ist kein Homeschooling!

daheim lernen vs. homeschooling

Daheim lernen – mit Mehrwert

Was Kinder momentan lernen, wird in keiner Schule vermittelt: Es ist viel mehr der tägliche Alltag, sowie die einfachen und scheinbar oft nebensächlichen Tätigkeiten, die aber immens wertvoll sind. „Boah, Betten überziehen ist ja echt anstrengend!“ „Die Wäsche schalte ich ein, ich weiß, wie die Waschmaschine funktioniert!“ sind ein paar erste Erkenntnisse, die bei uns seit Anfang März aufgetaucht sind. Ein anderer Fokus liegt momentan täglich auf den Pflanzen, die wir vorgezogen und vor einigen Tagen in Töpfe auf der Terrasse gesetzt haben. Wenn der Zeitdruck und der Terminstress wegfallen, bekommen die leisen Themen Gehör, ich sehe es als unsere Aufgabe als Eltern, diesen Druck abzufangen bzw. zu mindern. Soziale Rücksichtnahme und eine Art Neuordnung der Familiensituation war anfangs besonders herausfordernd: mit Hilfe eines Tagesplans, der wir zusammen erstellt haben und täglich neu anpassen klappt auch das meist zufriedenstellend für uns alle.

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Echter Mehrwert entsteht dort, wo der Druck wegfallen darf: Nach etwa 2 Wochen hat meine Tochter sich die Einheiten frei eingeteilt und manchmal auch erst spät am Abend oder außerhalb der „ruhigen Arbeitszeit“ das eine oder andere Arbeitsblatt erledigt. Das gelang dann gefühlt mühelos und ohne Frustration – anders als wenn sie das Gefühl hat sie MUSS JETZT. Und dennoch sind Tage dabei, wo gar nichts geht oder wir mit ganz viel Mühe gemeinsam zumindest einige der Aufgaben lösen.

Apropos Emotionen: Auch der Umgang mit Frustration, fehlender Motivation und dem Vermissen der sozialen Kontakte und Freunde wird täglich auf die Probe gestellt. Schule ist so viel mehr, als das Erfüllen von vorgegebenen Aufgaben und Arbeiten. Es ist das Miteinander und die Gemeinschaft, die nicht nur mathematische

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Die einzige fixe Regel: ALLES DARF, NICHTS MUSS.

In Hinblick auf den Schulstoff von Frl. Tochter bin ich eher entspannt: Wir bekommen laufend Arbeitsvorgaben der Lehrerin und besprechen diese auch beim wöchentlichen Video-Call mit ihr und vielen der Schulkameraden. Wenn es dazwischen Tage gibt, an denen nichts oder nur wenig geht (und die gibt es!!!), dann ist das so. Punkt. Seit sich diese Haltung bei uns als normal etabliert hat, nimmt sie sich auch mal ausserhalb der „ruhigen Arbeitsphasen“ ein Blatt zur Hand und rechnet oder schreibt einfach so!

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Und dennoch – Homeschooling ist absolut etwas anderes! Wir dürfen uns deshalb (beruhigt) auf unsere Begleit- und Führungsrolle als Eltern konzentrieren, statt die Behelfspädagog*in zu spielen.

Doppelbelastung Homeoffice

Wer „daneben“ auch noch im Homeoffice arbeiten muss, muss den Plan deutlich straffer organisieren! Wir machen nun seit mehr als 5 Wochen gute Erfahrungen damit, am Vormittag und am Nachmittag je zwei Stunden ruhig zu arbeiten. Alles andere ist flexibel und reicht von basteln über spielen, kochen und „chillen“. Bei uns ist die Kernzeit für die Arbeitseinheiten 10:00 bis 12:00 und 14:00 bis 16:00, aber wir besprechen täglich, wie wir es gern machen wollen. Meine eigene Effektivität hat bisher nicht nennenswert gelitten, aber ich achte sehr darauf, mich gut zu strukturieren, denn dafür bin ich selbst verantwortlich!

daheim lernen vs. homeschooling

Homeschooling und „frei lernen“ – die Grundprinzipien

In Österreich ist es immer möglich „frei“ von Schule zu lernen und somit selbstgewähltes und „echtes“ Homeschooling zu leben. In der momentanen Situation können wir viel von Familien mitnehmen, die ihren Lern-Alltag immer frei gestalten. Ich konnte ein sehr augenöffnendes und auf seine Art beruhigendes Gespräch mit Homeschooling-Mama und Ergotherapeutin Karin Schaffer führen.

„Freigewähltes Homeschooling ist keine Frage von bestimmten Techniken, sondern von bestimmten Haltungen.“

Das war das Eingangsstatement und durchaus die wesentliche Aussage von Karin Schaffer in unserem Gespräch. Die Ergotherapeutin sieht sich beruflich oft mit Kindern konfrontiert, die keine Entwicklungsstörung haben, sondern einfach im „System“ nicht gut zurechtkommen. Das wollte sie für ihre eigenen Kinder vermeiden und hat sich aus diesem Grund fürs „Frei lernen“ entschieden.

Hilfreiche Leitlinien für lernen ohne Schule

Ich habe sie gefragt, welche Tipps sie den Eltern in der derzeitigen, durchaus schwierigen Situation mitgeben kann. Folgende Aspekte sind vor allem derzeit ohne regelmässigen Schulbetrieb sehr richtungsweisend. Wir Eltern können hilfreiche Leitsätze daraus mitnehmen:

Angst und Druck sind nie gute Ratgeber.

Wenn es daheim mit dem Lernen gar nicht klappt, das Gespräch mit der Schule und den Lehrern suchen, statt den eigenen Druck auf das Kind weiterzugeben. Meine Erfahrungen von den Externistenprüfungen beim Homeschooling: Lehrer mögen es, wenn man sie höflich behandelt, wertschätzt und um ihre Hilfe und Meinung bittet. Sie sind auch nur Teil des Systems. Es ist die Energie nicht wert, sich wahnsinnig über sie aufzuregen, lieber mit ihnen, wenn möglich, nach Lösungen suchen.

Vorbild ist alles!

Wenn ich schon genervt bin oder mit meinen Gedanken ganz woanders, während ich meine Kinder beim Lernen begleite, werden sie kaum viel Lust auf ihre Schulaufgaben haben. Wenn mich ein Verhalten an meinen Kindern stört, ist meine erste Frage immer, sehe ich dieses Verhalten auch bei mir oder bei meinem Mann. Meistens werde ich fündig :-). Beispielsweise beim Medienkonsum.

Die Tage sollten eine gute Mischung zwischen Tätigkeiten unterschiedlicher Qualitäten haben.

Da sind die, die die Kids mit meist überschaubarer Begeisterung für die Prüfungen machen müssen und die sie daher auch oft als ziemlich anstrengend oder fad erleben. Dann sind da jene, die sie selbstbestimmt alleine oder mit anderen mit Interesse und Freude tun (Flow!) und ein bisschen unaufgeregte Routinetätigkeiten wie Aufräumen, sich Anziehen und Waschen gibt es auch manchmal :-).

Ich versuche daher, die Lernzeit so effizient und kurz wie möglich zu halten, damit dieser Teil nicht zu dominant ist und alles aus dem Gleichgewicht kommt.

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Bei uns beträgt sie etwa 3,5 Stunden am Tag, manchmal etwas mehr (Mittelschule, in der Volksschule entsprechend weniger). In der Regel sind wir Anfang Juni fertig und machen ein Monat mehr Ferien. Diese Zeit ist in drei Blöcke unterteilt. Alle Homeschooler verwenden in der Regel, wenn sie die Externistenprüfungen machen, weniger Zeit auf das Erarbeiten des Stoffes als Kinder in der Schule dafür aufwenden müssen, da die ganzen Disziplinierungsgeschichten, Ablenkungen etc. wegfallen.

Die Struktur soll kein „Stundenplan“ im herkömmlichen Sinn sein, sondern dem Tag ein Gerüst geben.

Eine Tagesstruktur erleben wir alle als sehr hilfreich und stützend. Diese haben sich aber die Kinder mit uns gemeinsam überlegt und nicht wir für sie. Dieses Vorgehen scheint mir extrem wichtig. Meine Kinder haben den Vormittag für die schulischen Lernsachen gewählt. Das hat auch praktische Gründe, da am Nachmittag ihre Kurse etc. stattfinden, die sie gerne besuchen wollen und ihre Freunde zur Verfügung stehen.
Die Tagesstruktur ist aber nicht in Stein gemeiselt. Wenn mein Kind gerade einen schlechten Tag hat oder sich gerade nicht konzentrieren kann, planen wir halt um. Ich gehe immer davon aus, dass mein Kind der allererste Experte für seine Gefühle und Bedürfnisse ist. Wie könnte ich es besser wissen? Das ernst zu nehmen, ist für mich ein Zeichen von Respekt. Es heißt aber nicht, dass wir manchmal nicht auch einen Kompromiss aushandeln.
Ich bin zu meinen Kindern sehr offen und wir sprechen oft über Gott und die Welt. Meine drei wussten von Beginn an, wie es in Österreich mit der Unterrichtspflicht aussieht. Sie kennen Regelschulkinder, Kinder aus Alternativschulen, Kinder im häuslichen Unterricht und aus Freilernerfamilien (das hat sich einfach so ergeben). Sie wissen, es gibt immer eine Alternative, aber alle Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Für die Externistenprüfungen zu lernen, finden sie nicht immer cool, aber sie tun es, weil sie es frei gewählt haben.

Kinder lieben es, Angebote zu bekommen, die ihren Interessen und ihrer Persönlichkeit entsprechen.

Das heißt aber auch, dass man sie dazu sehr gut kennen und unsere Beziehung pflegen muss, denn von nichts kommt nichts. Homeschooling fordert einen gewissen Einsatz und Willen, alles andere wäre eine Lüge. Homeschooling ist aber auch sehr bereichernd. Ich habe einen ziemlich guten Überblick, wo die Kids beim Lernen stehen, wo sie Lücken haben, wozu sie von ihrer Entwicklung her schon bereit sind, was ihnen entspricht und was nicht, etc. Meine Aufgabe ist es, Möglichkeiten und Materialien heranzuschaffen, damit sie ihren Interessen und Spielen nachgehen können. Die Zeit, in der sie für die Schule lernen, ist nicht immer exklusive Zeit für sie (je nach Bedarf), aber ich bin präsent und halte den Raum, wie man so schön sagt. Wenn ich etwas Eigenes mache, sind das Aktivitäten, die von der Grundenergie her dazupassen (Büroarbeit, Kochen, …).

Den Stoff in kleine, überschaubare Portionen aufteilen.

Es ist wichtig, dass man schon zu Beginn weiß, wo die Reise hingehen soll und auch immer wieder das Gefühl haben kann, mit etwas auch fertig zu sein und es geschafft zu haben. Dieses Gefühl „Immer allen Aufgaben hinterherzuhecheln“ ist doch auch für uns Erwachsene wahnsinnig belastend.

Homeschooling in der Praxis: Die frei zur Verfügung stehende Zeit fließt meistens recht freudig dahin, manchmal auch nicht. Und dann gibt es ja sowieso normalerweise noch die Kurse etc. (meine Mittlere voltigiert mit großer Begeisterung leistungsmäßig, was sehr zeitintensiv ist). In meiner Wahrnehmung ist diese Zeit jenseits der Prüfungsvorbereitung die bei Weitem wertvollere für die Entwicklung meiner Kinder und sie hat bei uns einen hohen Stellenwert. Wir schätzen also versunkenes Spielen und skurrile Projekte manchmal höher als schulisches Lernen. Das denke ich, ist ein wesentlicher Unterschied zur Regelschulphilosophie.

Langeweile gibt es zum Glück manchmal auch!

 

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Danke liebe Karin für die aufklärenden und umfassenden Worte und den Einblick in euren Alltag zum Thema lernen im Homeschooling.


 

Julia, 2fache Mama und Schulgründerin gibt uns auch noch etwas wesentliches mit.

Wenn der Druck negativen Stress auslöst, dann unbedingt Druck rausnehmen, weil negativer Stress – wie wir alle wissen – das Denken bremst, Lernlust und Neugier killt und auf Dauer sogar die Abwehrkräfte schwächt. Dann geht gar nichts mehr.
Mein persönliches Credo lautet in solchen Situationen ‚Beziehung vor Pflicht‘. Das ist ja auch seit mehr als einem Jahrhundert die Maxime der reformpädagogischen Schulen: das Kind ins Zentrum stellen (versus den Stoff). Bzw. mit dem Kind in Beziehung gehen (versus Machtposition einnehmen).
Klingt simple, ist aber nicht immer so einfach umzusetzen in unserer Situation jetzt… Wenn der Druck (woher auch immer) zu belastend wird, kann man als Mama und Papa zuallererst einmal zu und hinter den Kindern stehen und stellvertretend ’Stopp’ sagen. Kommt der Druck zB durch ein subjektiv überforderndes Arbeitspensum seitens der Schule, könnte Mama die Pädagogin anrufen und ehrlich sagen: Uns ist das gerade zuviel, wir schaffen das nicht (neben homeworking, Kleinkind am Schoß, Dauerbeschallung etc). Das klingt natürlich nach ’Schwäche eingestehen’ und ist manchmal nicht so einfach für mich persönlich – vor allem, weil ich selber damit groß geworden bin, von ‚oben‘ vorgegebene Aufträge pflichtbewußt zu erfüllen, auch wenn ich dabei weit über die eigenen Grenzen gehe. Ich finde aber, es ist eine viel wertvollere Lektion für’s Leben, wenn ich meinen Kindern vorlebe, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, rechtzeitig und klar Stopp zu sagen und wieder Balance zu schaffen (zB Kakao trinkend unter die Decke kuscheln und gemeinsam ein Lieblingsvideo oder Buch oder schöne Erinnerungsfotos anschauen…), damit man – gestärkt und aus einer inneren Ruhe heraus – überlegen kann, was es braucht, um den nächsten Wachstumsschritt zu gehen.

Einige Eltern unserer Schule haben diesen Mut gezeigt und zB beim Vertrauenslehrer angerufen und ehrlich gesagt, daß die Arbeitsaufträge anfangs einfach zu viel waren oder daß sie sich mehr Kontakt zu den PädagogInnen im Lernalltag wünschen. Das finde ich ganz großartig. Für LehrerInnen ist diese Situation auch neu und sie sehen ‚auf Distanz‘ ja nicht, was das Kind gut schafft und was nicht. Oft findet sich eine Lösung, wenn man sich in seiner ‚Menschlichkeit‘ zeigt!

Julia hat 2019 zusammen mit einigen engagierten und gleichgesinnten Eltern die freie Leithabergschule gegründet.

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