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Warum ich meine Kinder nicht gleich behandle

Marita von Patchwork auf Augenhöhe – Gastbeitrag

Warum ich meine Kinder nicht gleich behandle und genau das total gerecht ist

Ich bin Mutter und Stiefmutter von zwei Bauchkindern und einem Bonuskind. Meine Töchter Lisa und Anna sind 6 und 5 Jahre alt, Tom ist 10. Als solche werde ich oft gefragt, ob ich alle drei Kinder gleich liebe. Es ist wohl normal, seine eigenen Kinder anders oder mehr zu lieben als die Stiefkinder. Ich lese immer wieder, dass man sich deshalb keine Sorgen machen oder sich schämen müsste. Ehrlich gesagt, finde ich diese Frage sehr seltsam. Oder nein, ich finde seltsam, sie als Stiefmutter gestellt zu bekommen. Denn ist es als Mutter nicht auch so?

Ich liebe alle Kinder individuell und ganz anders. Das gilt auch für meine beiden Töchter, die ja beide in meinem Bauch gewachsen sind und von denen ich gleichermaßen die Mama bin. Ich habe alle drei Kinder lieb, bedingungslos, jedes auf seine Art. Meine Kleine ist ein Wirbelwind, sie kreischt und lacht den ganzen Tag: “Ich hab dich lieb bis zum Mond!” Lisa ist ruhiger, stellt schlaue Fragen und fordert mich zum Nachdenken auf. Sie findet: “Du bist die liebste Mama der Welt.” Und Tom? Der sagt: “Ich mag dich.” Wie eine Feststellung, aber eine wichtige, die mir direkt ins Herz geht.

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1 cm Liebe bitte, oder waren es g?

Wie lässt sich denn das Maß an Liebe messen? Auf einer Skala von 1 bis 10? Und wovon hängt es ab? Von den Genen? Vom Verhalten? Das wäre ja furchtbar, weil die Liebe dann total an Bedingungen geknüpft ist. “Wenn du dich so und so verhältst, habe ich dich lieber?” Ich hoffe, dass wir uns von dieser Sichtweise mittlerweile distanziert, ja losgesagt und sie komplett eingemottet haben.

Ich gebe zu, es gibt Tage, an denen fällt es leicht. Alles flutscht, die Kinder sind selbst glücklich und zufrieden. Es gibt keinen Streit, die Atmosphäre ist entspannt. Die Bedürfnisse aller sind erfüllt. Da habe ich ein wohlig warmes Gefühl im Bauch und könnte die ganze Welt umarmen.

Und dann gibt es die anderen Tage. Die stressigen, nervenaufreibenden, anstrengenden Tage. An denen das Verhalten der Kinder herausfordernd ist. Vielleicht war schon die Nacht kraftraubend, ich habe schlecht geschlafen, bin morgens unausgeglichen und unter Zeitdruck. Da nervt es doppelt, wenn die Tochter sich nicht alleine anziehen “kann”, der Sohn den Wecker minutenlang überhört und beim Frühstück über die Cornflakes schon der erste Streit entbrannt.

Ich bin genervt, ja. Ich wünsche mir Leichtigkeit, Ruhe, dass es einfach flutscht, ohne Diskussionen. Aber liebe ich meine Kinder dann weniger? Oder liebe ich nur den “Störenfried” weniger, und die anderen dann mehr?

Liebe als Bedürfnis

An dieser Stelle ist es wichtig zu klären, was Liebe eigentlich ist. Die meisten Menschen verstehen Liebe als warmes, kuscheliges Gefühl. lch nenne das gern “großes Herz”. Diese Emotion, die man hat, wenn man einen sehr schönen Moment mit seinem Partner teilt. Oder wenn man sein schlafendes Kind anschaut. Und einfach von der Liebe als Gefühl überwältigt ist. Das ist schön, wenn man das hat. Das Problem daran ist, dass Gefühle grundsätzlich unbeständig sind. Denn Sie haben es nun einmal an sich, dass sie in dem einen Moment da sind und im nächsten schon nicht mehr. Das ist als Basis für eine Beziehung ungünstig. Ich sehe daher Liebe lieber als Bedürfnis. Und ich entscheide mich bewusst dafür, dem anderen dieses Bedürfnis in der Weise zu erfüllen, wie es bei ihm am besten ankommt. Es gibt übrigens 5 Muttersprachen der Liebe, bei mir am Blog erfährst Du mehr darüber.

Was hat das jetzt mit der Gleichbehandlung von Geschwistern zu tun? Nun, schauen wir es uns einmal genauer an…

Gerechtigkeit unter Geschwistern

„Er hat mehr“, „Sie durfte länger, das ist unfair“, „Mein Stück ist größer“ – unter Geschwistern ist ein ständiger Vergleich so normal wie nervenaufreibend. Der Hinweis darauf, dass beide Kuchenstücke genau gleich groß sind, ist da wenig hilfreich. Zum „gerechten Verteilen“ unter Geschwistern gibt es das lustige Video “Geschwisterliebe” von Knallerfrau Martina Hill, das die Gerechtigkeit auf die Spitze treibt.

Woher kommt dieser Neid? Die Angst, zu kurz zu kommen? Das Mehr-haben-wollen? Nicht zu schauen, was man selbst braucht, sondern was der andere hat. Der Grund dafür ist oft in der Erziehung zu finden. In meiner Kindheit wurde sehr darauf geachtet, dass mein Bruder und ich gleich behandelt werden. Das führte zu so absurden Situationen, wie dass ich beim Waffelessen total überfuttert war. Da mein Bruder aber eine Waffel mehr gegessen hatte, wollte ich diese unbedingt auch noch reinstopfen. Diese Anekdote sorgt heute für Heiterkeit, vermutlich auch weil ich ein paar Pfund zuviel auf den Rippen habe. Ich hingegen finde das sehr bedenklich und erschreckend.

Vergleichen macht unglücklich

Dass Vergleichen unglücklich macht, ist längst wissenschaftlich bewiesen. Der Studie der Universitäten von Warwick und Cardiff zufolge, bei der die Testpersonen sieben Jahre lang zu ihren Einkünften und persönlichem Wohlbefinden befragt wurden, macht Geld nur glücklicher, wenn man den sozialen Status dabei berücksichtigt. Verdient der Nachbar beispielsweise 5 Millionen im Jahr, hilft auch ein Einkommen von „nur“ 2 Millionen nicht dabei, das persönliche Glücksgefühl zu steigern. In diesem Fall würde der Neid bei den meisten den eigenen Wohlstand überdecken. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat dieses Phänomen schon vor fast 200 Jahren richtig erkannt: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Wer immer nur darauf schaut, was der andere hat und ob das mehr ist als das was man selbst hat, kann nicht glücklich werden.

Bedürfnisorientierte Erziehung

stellt – wie der Name schon sagt – die Bedürfnisse in den Fokus. Das ist ein Wort, das man im Alltag nicht oft benutzt. Man kennt vielleicht den Ausdruck “bedürftig sein”, verbindet damit aber eher etwas Negatives. Dabei ist ein Bedürfnis etwas ganz Wunderbares. Es beschreibt etwas Universelles, etwas, das alle Menschen brauchen. Wir können uns darüber verbinden, weil jeder Mensch die gleichen Bedürfnisse kennt. Ein Bedürfnis ist etwas Grundlegendes. Es ist ein Verlangen, einen empfunden Mangel zu befriedigen bzw. ein tatsächliches Defizit zu beheben. Und da der Mensch auf Beziehung hin angelegt ist, entspricht es unserer Natur, anderen gern bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu unterstützen.

Was braucht mein Kind?

Meine große Tochter fühlt sich dadurch geliebt, dass ich ihr viel Unterstützung und Hilfe gebe. Sie möchte am liebsten jeden Tag von Mama angezogen werden, obwohl sie schon 6 Jahre alt ist und das doch eigentlich allein kann. Ich erfülle ihr gern ihren Wunsch und fülle damit ihren Liebestank auf. Müsste ich jetzt alle Kinder anziehen, damit es gerecht zugeht? Natürlich nicht! Der Gedanke, meinem 10jährigen die Hose zuzuknöpfen, ist irgendwie absurd. (Obwohl ich das auf seinen Wunsch hin natürlich auch tun würde.) Vor allem, weil ich weiß, dass ihm das nichts bedeutet. Er möchte viel lieber Kuschelzeit und exklusive Zeit zu zweit.

Mein Fokus ist also darauf, was das Kind braucht. Beim Kaffeetrinken frage ich lieber: „Möchtest du noch ein Stück Kuchen?“ Denn es ist für jeden genug da, und dass der Große mehr verdrücken kann als seine kleine Schwester, ist ja auch klar. Der eine hat größeren Hunger als der andere, dem Mädchen schmecken die Nudeln mit mehr Käse und die Kleine mag gar nicht so viele Süßigkeiten essen wie die anderen Kinder. Ich schaue auf den individuellen Bedarf, und jedes Kind bekommt so viel es braucht.

Kreative Lösungen finden

Diese Haltung, darauf zu schauen, was jeder braucht, übernehmen die Kinder auch. Oft regeln sie gefühlte Ungerechtigkeiten unter sich und finden ganz kreative Lösungen. Oder wir setzen uns zusammen und schauen in einer Konfliktsituation zunächst mal, was dahinter steckt. Es werden die Bedürfnisse von allen erforscht und wahrgenommen. Jedes Bedürfnis ist gleich wichtig, das von Papa oder Mama genauso wie das eines Kindes. Dann suchen wir eine Lösung, die alle zufriedenstellt. Diesen Prozess nenne ich “unden”, also “und machen”, verbinden von Bedürfnissen. Ich bin selbst überrascht, auf welche Ideen die Kinder dabei kommen, die ich in meinem anerzogenen Streben nach vermeintlicher Gerechtigkeit gar nicht gesehen habe.

Zum Abschluss noch ein Zitat

Im Wunschkind-Buch habe ich zum Abwägen der Bedürfnisse vieler Familienmitglieder den schönen Vergleich mit dem Kochen eines großen Menüs gelesen:

 

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Man hat mehrere Pfannen und Töpfe auf dem Herd und immer im Blick, in welchem man gerade rühren muss, damit nichts anbrennt. Man schneidet Gemüse, gibt Salz hinzu, stellt die Hitze niedriger, sodass am Ende alle Gerichte gleichzeitig fertig werden. Auf sich selbst achtet man natürlich auch: Pausen, Händewaschen oder zwischendurch einen Schluck Kaffee trinken. Mit ein bisschen Routine ist Kochen nicht stressig, sondern sogar entspannend. Genauso ist es mit dem Abwägen von Bedürfnissen der Familienmitglieder.

 

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„Wut. Warum große Gefühle wichtig sind und was dir eine Wut über dich als Mama zeigt“

„Loslassen. So gelingt es dir als Mutter.“

„Sprich mit mir, Mama!“ Wertschätzende Kommunikation mit Kindern“

„Selbstregulation bei Kindern. So kann es im Alltag funktionieren“

 

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Ich wünsche Dir viel Spaß und Erfolg beim Kochen eures Familien-Menüs!

 

Deine Marita

warum ich meine kinder nicht gleich behandle

Marita Strubelt ist Mutter, Stiefmutter und Familiencoach. Sie ist den Weg gegangen: Als kinderlose Stiefmutter hin zu einer Patchworkmama mit “zwei Bauchtöchtern und einem Bonussohn”. ​​Als Coach und mit ihrem Blog „Patchwork auf Augenhöhe“ leistet Marita einen wertvollen Beitrag für ein harmonisches, friedvolles Familienleben.

 

1 Kommentar zu “Warum ich meine Kinder nicht gleich behandle

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