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Gastartikel: Kind, es ist doch nur zu Deinem Besten!

GASTARTIKEL

Ätzend, der Satz, oder? Wer kennt ihn nicht? Ich kenne ihn und fand ihn immer unglaublich wääääh! So, nun bin ich selber Mutter. Mütter jammern untereinander gelegentlich über die Phasen, die ihre Kinder gerade so durchlaufen. Also ich stelle fest, dass ICH (auch) so meine Phasen habe.

Da war zum Beispiel die Phase, als ich alles – wirklich alles – selber und frisch gekocht habe, natürlich 100% bio. Das war bei meinem Erstgeborenen. Mein Zweitgeborener hingegen fand diesbezüglich eine bereits wesentlich entspanntere Mutter vor. Da durfte es dann auch schon mal ein Gläschen sein.

Und dann hatte ich da diese Phase, wo ich mich mit der Auswahl der Schule für meinen Großen beschäftigte. Diese Phase hat insgesamt so etwa 2 Jahre angedauert und hatte ihre Unter-Phasen. Schließlich bin ich ja sehr schlau, weiß von Berufswegen gaaaanz viel über Entwicklung, Gehirnforschung und darüber, wie Lernen am allerbesten funktioniert. Darum war rasch klar, dass eine klassische Regelschule, naja, also, ausscheidet.

Ich hab mich dann umfassend über die Angebote unserer Region erkundigt, diese der Reihe nach heimgesucht und begutachtet, LehrerInnen beschnuppert und Atmosphären in mich aufgenommen um am Ende eine Entscheidung zu treffen, die ich für am Besten hielt. Mein Mann spielte mit, übernahm brav meine Argumente innerhalb der Familie, auch der Schwiegermutter gegenüber. Meine Mutter war begeistert als sie hörte, dass es eine Privatschule wird und irritiert, als sie merkte dass es hierbei nicht um was Religiöses ging, auch nicht im klassischen Sinne um was Elitäres. Alternative Schulmodelle gibt es in Österreich ja nur als Privatschulen, d.h. es kostet eine ganze Menge Geld – so gesehen also schon elitär, denn damit steht es nicht JedeM zur Verfügung. Himmelschreiende Tatsache, aber das ist ein anderes Thema.

Nun folgte das Zittern, ob wir tatsächlich einen von den spärlichen und heiß begehrten Plätzen ergattern würden. Anbiederung, Quängeln, laufende Präsenz, Hartnäckigkeit und am Ende ein richtiges Bewerbungsgespräch, so mit „warum sollen wir Ihren Sohn aufnehmen?“.

Die Zeit verging und wir waren überglücklich, als wir endlich Bescheid erhielten: er hat einen Platz, er darf dort zur Schule gehen!!!

Mein Sohn fragte, warum er als Einziger nicht in die Gemeindeschule geht, wo doch alle seine Kindergartenfreunde dort sind? Naja, weil …. es doch das Beste für Dich ist.

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Er ist sehr aufgeschlossen, findet überall Anschluss, egal wohin er kommt, er gewinnt rasch Freunde. Also bestimmt auch in der Schule. Und seine Freunde aus dem Ort, kann er ja nachmittags weiterhin zum Spielen treffen. So der Plan.

Kennen Sie den?

Wie bringt man den Lieben Gott zum Lachen? – Mach einen Plan.

Ja, also wir freuten uns über einen gelungenen Schulstart, die schöne Atmosphäre und die lieben anderen Familien. Wir zahlten ein, brachten uns als Eltern ein, wir malten z.B. höchstpersönlich die Schule aus – das ist so bei Privatschulen, die keine staatliche Förderung erhalten. Wir fuhren jede Woche 100 km mit dem Auto für Zu- und Abtransport, wir bemühten uns um außerschulische Kontakte zu MitschülerInnen, etc.

Der Erstgeborene war bei allem dabei. Etwa 3 Monate lang. Dann kippte seine Laune. Spätestens als ihn der erste Mitschüler gehaut hat. Von nun an ging´s bergab mit seiner Motivation, überhaupt hinzugehen. Ich machte mir viele Gedanken, was dazu geführt haben konnte. Vielleicht gruppendynamische Rangordnungskämpfe? Als Erstklassler hat man halt nicht viel zu melden, besonders in einem System, wo alle Schulstufen viel Zeit miteinander verbringen. Das schien ihn zu schmerzen, war er doch im Kindergarten eher das Alphatierchen gewesen.

Er jammerte, die Schule sei so anstrengend. Die Schule meldete, dass er sich auffällig viele Auszeiten am Klo nimmt. Er war ständig unausgeschlafen, weil seine Polypen ihn schlecht atmen ließen, die komplette Wintersaison war er dauer-erkältet. Auch nicht schön. Polypen müssen also raus. In der Zwischenzeit bürgerte sich die allmorgentliche Frage ein: „Ist heute Schule?“ und je nach dem, wie die Antwort ausfiel, mutierte unser 7jähriger dann zum Teenager oder zum entspannten Freigänger. Heute weiß ich, was mich erwartet, wenn mein Sohn zum Punk wird. Ich kenne sein Spektrum an Ausfälligkeiten („ Ich geh nicht in diese sch*** Schule, Ar****, Idi***“ – ganz böses Vokabular, schön sprechen!), ich weiß, dass er echt nicht aufsteht, wenn er das sagt, ich kenne auch schon die Kampfszenen, die Tricks, mit denen er dann doch zu bewegen ist….

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Naja, alle haben sich bemüht, hat wohl nicht funktioniert. Er wollte da nicht hin. Er war kreuzunglücklich. Wir hatten ALLES erreicht, was ich mit großer Mühe versucht hatte, zu vermeiden! Ich wollte ihm die freudvollste Lernumgebung verschaffen, die man sich vorstellen kann, um die er weint, wenn Ferien sind, wo Begeisterung an der Tagesordnung ist.

Ich sag´s wie´s ist: einen Schulverweigerer kann man auch billiger haben – das war mein Gedanke, als ich in die hiesige Gemeindeschule pilgerte und ein wenig reumütig anfragte um Schnuppertage.

Alles easy, kein Problem, machen wir.

An diesen Schnuppertagen, stand er auf, sprang förmlich aus dem Bett, packte sein Zeug, Frühstück, Waschen, Abmarsch mit Fahrrad/Roller ab in die Schule. Brauchst mich nicht hinbringen. Kann ich selber. Voll peinlich, Mama, bleib weg.

O.k.

Da hab ich mich dann wohl verschätzt. Es folgte die Phase des Loslassens: Das Loslassen meiner Vision, DAS ist das BESTE für mein KIND. Glauben Sie mir, diese Phase war besonders grauslich. Ich musste mir eingestehen, dass ER es von Anfang an gewusst hatte – was das BESTE für IHN ist.

Nun geht er bei uns im Ort zur Schule, er geht gerne hin, ist viel ausgeglichener, macht selbständig seine Hausaufgaben, strukturiert sich seinen Tag selbst, organisiert sich seine Spieletreffen und freut sich am Lernen!

Fazit:

Er ist trotz aller Bemühungen sozial nie angekommen in der fremden Umgebung der privaten Schule.

Er war unglaublich kooperativ und tapfer, auch wenn das in manchen Momenten ganz anders wirkte.

Ich war einfach wääääh.

Und die neue Lehrerin in der Gemeindeschule ist der absolute Glücksgriff!

Es ist also wurscht, wie viel Geld Du zahlst – es kommt ja doch nur auf die Menschen an, ob die zusammenpassen!

Bin gespannt durch welche Phase ICH als nächstes durch muss…. 😉

Jedenfalls sollte ich wohl besser auf meine Kinder hören…

 

 

Linda Syllaba

Dipl. Lebensberaterin, Familien-, Paar- & Elterncoach

Familylab Seminarleiterin, Dipl. Businesscoach

+43/676/4770998 www.beziehungshaus.at

 

„Glaub nicht alles was Du denkst.“

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