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Interview | 4fach Mama und Unternehmerin Thi Loan Strasser aus Vietnam

Thi Loan Strasser kam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder als „Boat people“ mit der Cap Anamur Ende der 70er-Jahre nach Deutschland. Heute ist die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin nicht nur Mit-Geschäftsführerin bei einem der aufstrebendsten Mittelständler in Deutschland und Gründerin einer eigenen Stiftung, sondern auch Mutter von vier Mädchen (3, 12, 18 und 29 Jahre). Sie reist zu Familienbesuchen und für die Arbeit ihrer Stiftung immer wieder in ihre Heimat Vietnam. So auch im vergangenen Dezember, wo sie sich ein Bild von den Auswirkungen der beiden jüngsten Hurrikans „Damrey“ und „Tembin“ machte. Für „die kleine Botin“ hat sie Zeit gefunden ein paar Fragen zu ihrer Tätigkeit und dem Reisen mit Kindern zu beantworten.

4 Kinder und mehr als 1 Job

Interview mit Thi Loan Strasser

Vor 40 Jahren kamen Sie mit Ihrer Familie über das Chinesische Meer mit der berühmten Cap Anamur nach Deutschland. Würden Sie Deutschland oder Vietnam als Ihre Heimat bezeichnen?

Ich fühle mich sehr wohl hier in Deutschland, fühle mich meiner Heimat aber weiterhin sehr verbunden. Ich war fünf Jahre alt, als wir von dort fortgingen. Da hat man seine Wurzeln bereits ausgebildet, denn in den ersten fünf Jahren findet die stärkste Lernphase eines Menschen statt. Ich würde sagen, Vietnam ist meine Heimat. Deutschland und München sind mein Zuhause. Das ist der Ort, an dem ich lebe, wo meine Kinder groß werden, wo ich meinen Mann kennen gelernt habe, wo wir Freunde haben, wo meine Eltern leben…

Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an Vietnam?

Wenn ich an meine Kindheit im Vietnam zurückdenke, dann denke ich an eine sehr schöne und unbeschwerte Zeit. Ich erinnere mich vor allem daran, dass ich sehr viel im Freien war. Ich war immer barfuß und habe gefühlt den ganzen Tag frische Mangos gegessen J Das Leben in einer großen Familie war für mich als Kind wunderbar. Das hat mir sehr viel Geborgenheit, Halt und Schutz geboten.

Sie sind selbst mit ihrer Familie als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Was machen Sie, um Flüchtlinge zu unterstützen?

Wir engagieren uns hauptsächlich in betroffenen Regionen direkt vor Ort, um den Menschen dort so schnell wie möglich die Chance zu geben, in ihrer Heimat wieder gut leben zu können. Da geht es viel um Soforthilfe und um Hilfe zur Selbsthilfe. Im Dezember sind wir beispielsweise mit der ganzen Familie nach Vietnam geflogen, um vor Ort neue Hilfsprojekte zu eruieren.

Einer der Gründe für die Reise nach Vietnam war, sich ein Bild von der Lage nach dem Hurrikan zu machen. Wie ist die Situation vor Ort?

Der Hurrikan hat im November und Dezember komplette Dörfer und Existenzen zerstört. Wir wollten uns direkt vor Ort ein Bild von der Lage machen und mit den Menschen sprechen, um zu sehen, wo und wie wir ganz schnell Hilfe anbieten können. Wir möchten die betroffenen Familien direkt unterstützen, Ihnen wieder ein Dach über dem Kopf ermöglichen und durch unkomplizierte, finanzielle Soforthilfe dafür sorgen, dass sie sich das Nötigste für ihre Familien selbst leisten können. Wie wahrscheinlich immer sind Kinder diejenigen, die besonders betroffen sind. Wenn wir in den Medien von solchen Katastrophen hören, geht es oft um zerstörtes Land, Häuser oder Infrastruktur wie Brücken oder Straßen. Davon kann man sich als Zuschauer oder Leser aus der Ferne schnell ein konkretes Bild machen. Die Leidtragenden dahinter sind aber meist Kinder… 

Wird Ihre Stiftung nun vor Ort aktiv? Und wenn ja, wie?

Wir planen im März noch eine zweite Reise in vom Hurrikane betroffene Regionen weiter im Norden des Landes zu unternehmen, um uns ein noch besseres Bild der Lage vor Ort machen zu können und um zu sehen, wo unsere Hilfe am dringendsten benötigt wird und in welcher Form. Danach überlegen wir uns, welche konkreten Hilfsmaßnahmen wir für die Familien einleiten können.

Was hat Sie am stärksten (positiv oder negativ) beeindruckt?

Es fasziniert und beeindruckt mich immer wieder, wie es Menschen aus einfachsten Verhältnissen gelingt, mit wenig Hab und Gut ein sehr zufriedenes Leben zu führen. Die Menschen dort streben durchgängig danach, sich und ihren Familien ein erfüllendes Leben zu ermöglichen. Viele Dinge, die uns negativ beschäftigen, werden dort gar nicht erst thematisiert. Ich glaube sogar, dass die Menschen aus genau diesem Grund oft ein viel unbeschwerteres Leben führen als wir.

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Auf der anderen Seite stimmt es mich oft nachdenklich – nein, es macht mich sogar traurig – dass selbst in solchen Regionen immer mehr der Konsum eine tragende Rolle spielt. Firmen und Hotelketten werden eine nach der anderen aufgebaut. Das bringt natürlich positive Effekte für die Wirtschaft und schafft Arbeitsplätze. Es sorgt aber auch für wachsende Müllberge und andere negative Auswirkungen.

Sie nehmen dafür lange – und vielleicht auch beschwerliche – Reisen in Ihr Geburtsland auf sich und Ihre Kinder. Was ist Ihre Motivation dabei? Was wollen Sie Ihren Kindern auf diesen Reisen vermitteln?

Mir ist es prinzipiell sehr wichtig, meinen Kindern zu zeigen, wo ihre Wurzeln liegen. Zu zeigen, dass wir sehr dankbar dafür sein dürfen, wie gut es uns geht. Denn man sollte nichts als selbstverständlich hinnehmen, sondern alles wertschätzen. Mir ist auch ganz wichtig, dass sie verstehen, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie uns, und dass wir darum eine Verpflichtung haben zu helfen. Aber ich will ihnen auch ganz einfach das Leben anderer Menschen zeigen und sie ermuntern, Begegnungen mit Fremden und ihren Kulturen gegenüber offen zu sein. Reisen bildet ja nicht nur. Wer mit offen Augen und einem offenem Herzen reist, wird auch nachhaltig geprägt.

Zeigen Sie Ihren Kindern auf solchen Reisen immer die „ungeschminkte Wahrheit“ oder wie organisieren Sie es, dass die Eindrücke auch „kindgerecht“ sind? Sprechen Sie während oder nach einer solchen Reise viel über das Erlebte? 

Unsere Kinder begleiten uns regelmäßig auf solchen Reisen, waren beispielsweise auch schon bei Spendenaktionen in Slums mit dabei. Wir sprechen natürlich viel über das Erlebte, aber unsere Kinder sind hier auch generell sehr bodenständig und haben keine Berührungsängste. Sie wissen, wo meine und damit auch ihre Wurzeln liegen, dass ich aus ärmlichen Verhältnissen stamme. Die „ungeschminkte Wahrheit“ persönlich zu erleben erschreckt sie nicht, es führt eher zu einer noch tieferen Verbindung zu ihren Wurzeln.

Wie trennen Sie den privat und den geschäftlichen Teil einer solchen Reise? 

Diese Trennung gibt es bei uns eigentlich selten. Mein Mann und ich stehen zu einhundert Prozent hinter dem, was wir beruflich tun. Das muss auch so sein, denn sonst könnten wir nie dieses permanente Level an Motivation und Energie aufrechterhalten. Dafür muss man schon mit Leidenschaft für seine Arbeit brennen. Und wenn man das tut, besteht kein Grund dafür, Privates und Berufliches zu trennen, denn für uns ist das ein und dasselbe.

Wenn Sie privat verreisen, wohin geht es dann am liebsten? 

Abgesehen von Reisen in die Heimat sind wir gerne am Gardasee. Es gibt dort ein wunderschönes Spa-Hotel, in dem wir schon mehrere Male waren. Der Gardasee ist eine wunderschöne Ecke und von München aus gut zu erreichen. Ideal um zwischendurch ein paar Tage zu entspannen und Sonne zu tanken.

Mit Kindern zu reisen ist nicht immer einfach. Was sind die wichtigsten Tipps für Fernreisen mit Kindern?

Meine Erfahrung ist, dass das Reisen mit Kindern einfacher ist, je kleiner die Kinder sind. Ich achte dann darauf, dass längere Flüge möglichst in die Schlafenszeit der Kinder gelegt werden und wähle Ziele aus, die neben Land und Leuten vor allem auch die Möglichkeit der Erholung bieten. Besonders wichtig ist natürlich, eine gut ausgestattete Reiseapotheke dabei zu haben und alle notwendigen Impfungen vorzunehmen. Auch Babynahrung sollte man in ausreichender Menge dabeihaben, denn die gibt es nicht immer unbedingt vor Ort.  Damit kann eigentlich nichts schief gehen auf Reisen!

Wie bringen Sie die verschiedenen Erwartungshaltungen von vier Kindern unterschiedlichen Alters, die Ihres Mannes und die eigenen unter einen Hut?

Das ist bei uns in der Tat nicht ganz so einfach, da wir alle Altersklassen von Kleinkind bis zum Erwachsenen vertreten haben J Jeder hat bestimmte Bedürfnisse. Für meinen Mann ist vor allem wichtig, dass er eine gute Internetverbindung hat und der Service stimmt, damit er bei Bedarf in Ruhe arbeiten kann. Ich hingegen suche die Mischung aus Erholung und Erlebnis. Die Kinder haben wieder andere Bedürfnisse. Um das alles unter einen Hut zu bringen ist es denke ich wichtig, nicht gezwungenermaßen 24 Stunden am Tag aufeinander zu hängen. Auch im Urlaub sollte jeder die Möglichkeit haben, seinen eigenen Plänen nachzugehen. Dafür gibt es dann wieder abgestimmte Zeiten, zu denen die Familie gemeinsam etwas unternimmt.

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In München sind Sie für das Ressort Personal der MEP verantwortlich, Deutschlands Marktführer in der Vermietung von Hausdach-Solaranlagen. Wie haben Sie die Kinderbetreuung organisiert und welche Rolle spielt Ihr Mann bei den Familienaufgaben?

Drei unserer vier Kinder sind ja bereits älter, gehen zur Schule, studieren bzw. sind schon erwachsen. Unsere jüngste Tochter begleitet mich oft ins Büro. Sie hat dort ihre eigene Spielecke und kennt viele unserer Mitarbeiter. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie eine ganze Abteilung unterhält J Mein Mann verbringt natürlich einen großen Teil seiner Zeit im Büro oder auf Geschäftsreisen. In dem Moment, wenn er aber zuhause die Tür öffnet, ist er nur noch der Daddy. Dann hat er nur noch Augen für seine Kinder und das wissen sie auch. Für seine Familie nimmt er sich immer Zeit.

interview strasser die kleine botin 1

Neben den Aufgaben bei MEP haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann noch eine Stiftung gegründet. Was genau macht die Strasser Foundation?

Unsere Stiftung setzt sich für benachteiligte Menschen auf der ganzen Welt ein, insbesondere für Kinder. Viele Projekte setzen wir in meiner Heimat Vietnam um. Aber auch in Brasilien haben wir beispielsweise ein Dorf mit Solarenergie ausgestattet, um der Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, dringend benötigtes Wasser aus Brunnen zu pumpen. Unsere langfristige Vision ist es, das Modell von MEP noch einmal als Nonprofit-Projekt im Vietnam und anderen armen Ländern aufzubauen. Denn ich bin überzeugt davon, dass eine zuverlässige Energieversorgung und Infrastruktur die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind, dass sich die Menschen dort selbstständig eine Zukunft aufbauen können, einem Beruf nachgehen können, etc. Wenn die Grundversorgung eines Menschen gewährleistet ist – dazu gehört natürlich auch das Thema Nahrung – brauchen sich die Menschen keine Sorgen um das Auskommen ihrer Familien zu machen und können so einem regulären Beruf nachgehen und ihre Zukunft selbstständig sichern.  Wenn wir mit der Stiftung Projekte in meiner Heimat umsetzen, habe ich natürlich immer einen ganz besonderen Bezug dazu und freue mich, dem Land etwas zurückgeben zu können.

interview strasser die kleine botin 2

Ich will Sie gar nicht fragen, wie Sie all die Dinge parallel gehandelt bekommen – denn, Ihrem Mann würde diese Frage ja auch nicht gestellt werden. Trotzdem sind Sie unglaublich engagiert: Mutter von vier Kindern, eigene Stiftung und Mit-Geschäftsführerin in einem sehr erfolgreichen mittelständischen Unternehmen. Wie setzen Sie Ihre Prioritäten?

Das ist tatsächlich nicht immer ganz einfach und ich bin froh, dass ich dabei von vielen Menschen unterstützt werde – besonders von meinem Mann. In meinen Augen ist das vor allem eine Sache der Organisation und der Motivation. Mit einem klaren Ziel vor Augen, welches einen antreibt, kann man viel bewegen und dabei Spaß haben. Man muss sich aber auch Zeit lassen, die Dinge nacheinander angehen und nichts überstürzen. So habe ich meinen persönlichen Traum – einmal ein eigenes Restaurant zu eröffnen – lange Zeit hintenangestellt, um für meine Kinder und die Firma voll da sein zu können. Jetzt, wo die Kinder schon etwas größer sind und die Firma von der Gründungs- in die Wachstumsphase übergegangen ist, habe ich die Möglichkeit, mein persönliches Herzensprojekt umzusetzen. Wir sind gerade in den letzten Zügen der Vorbereitungen. Noch in diesem Jahr wird es so weit sein. Wichtig ist generell, dass man sich selbst erlaubt, Hilfe von anderen anzunehmen.

Sie sind nicht nur super ambitioniert, sondern auch wirklich engagiert. Was möchten Sie später einmal Ihren Kindern und der Welt hinterlassen?

Ich möchte meinen Kindern und damit der nachfolgenden Generation vor allem Werte vorleben und mitgeben. Die zukünftigen Generationen sollen die Möglichkeit haben, offen durch die Welt zu gehen, offen zu sein für andere und deren Einstellung, Religion, Herkunft oder Bedürfnisse. Ich wünsche mir, dass die zukünftigen Generationen die Welt so wertschätzen können wie ich es tue. Dass sie sehen können, wie schön diese Welt ist auf der wir leben dürfen. Dass sie erkennen, dass es einem nichts bringt andere zu beneiden, sondern dass es vielmehr darauf ankommt, seinen eigenen persönlichen Beitrag auf der Welt zu hinterlassen. Ich wünsche mir für die uns folgenden Generationen, dass sie in einer Welt aufwachsen dürfen, die frei ist von Hunger und Krieg. Eine Welt mit einem friedlichen Miteinander.

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