Freitagsgeschichten

Einhorn-Yoga | FREITAGSGESCHICHTEN

Glitzernde Meditationsversuche mit Einhörnern

Ich hab es ja nicht so mit Meditationen. Aber als meine Kinder unlängst im Kinderzimmer spielten, alle vorgenommenen Sachen schon erledigt waren und ich so zu unerwarteten Ruheminuten kam, fiel mir ein längst vergessenes Buch ein. Über Kurzmeditationen. Ein paar Minuten, die ausreichten um Energie zu tanken. Lange hatte ich so etwas nicht mehr probiert. Doch genau das wollte ich nun. Ich setzte mich also so entspannt wie möglich im Schneidersitz auf den Teppich im Wohnzimmer. Dann stellte ich mir einen besonders schönen Ort vor und begann auf meine Atmung zu achten.

Nach ungefähr einer Minute kam meine größere Tochter zu mir und fragte leise: „ Was machst du da?“ „Ich versuche zu meditieren.“ Meine Tochter setzte sich in genau in derselben Weise neben mich. „Und was macht man da genau?“ „Ich stelle mir einen Ort vor, an dem ich gerne wäre und dann versuche ich mich auf meinen Atem zu konzentrieren.“ „Oh das klingt schön, da mach ich mit.“

Dann nach zwei Sekunden Ruhe. „Bist du eigentlich auch am Meer?“ Ursprünglich war ich das nicht, doch jetzt drängte sich mir unwillkürlich das Bild des Meeres auf. Egal, ich liebte das Meer. Ein paar Sekunden war es still, dann fragte mein Töchterlein, das auch gar nicht auf eine Antwort von mir gewartet hatte: “Und siehst du, im Meer schwimmen lustige Delfine, die sich unterhalten.“ Ich grummelte ein bisschen ärgerlich und nickte. „Und da, da ist ein Regenbogen. Und ein Segelboot“, kam es verzückt.

Ich seufzte. Plötzlich hörte ich viele kleine Schritte trippeln und die zwei Kleinsten stürmten ins Zimmer. „Was macht ihr daaaa?“ „Pst“, antwortete die Große. „Wir meditieren. Wir sind leise und stellen uns vor, wir sind am Meer. Mit Delfinen und Regenbogen.“ Die Kleinen setzten sich ebenfalls brav in den Schneidersitz. „Ja, und mit Glitzer!“, rief die Mittlere. „Und Einhörnern, die aus dem Wasser springen“, schrie die Kleinste begeistert. Ich atmete schneller, blieb aber beharrlich in der für mich mittlerweile sehr unbequem gewordenen Haltung sitzen und konzentrierte mich auf ein ruhiges Bild des Meeres. „Und Sandspielzeug!“ „Und Sand!“ „Und Schwimmflügerl!“ „Und Schwimmreifen!“ „Und ganz hinten im Meer kann man auf einer Banane reiten. Mit Motorboot!“ „Mama siehst du das auch??“

Ich resignierte. Ja, ich sah alles deutlich vor mir.

Doch die Fantasie der Kinder galoppierte unaufhaltsam weiter durch mein Bild und hinterließ noch mehr Spuren.

„Heiß ist es, wir brauchen Sonnencreme!!“ „Da ist ein Eiswagen!“ „Und Liegestühle mit Schirmen für die ganzen Menschen.“ Und der Eiswagen hat eine Klingel.“ „Hörst du? Klingelingelingeling.“

Ok, ich hatte das Bild exakt vor mir. Das gesamte. Caorle am Strand mit Segelboot, Einhörnern und Eis, Liegenstühlen, tausenden Menschen, Motorenlärm, Klingelgeräuschen, Sand, Regenbögen und noch eine Menge anderer Dinge, die absolut nicht in meine stille Meditation passten.

Ich nenn es daher in Zukunft „geführte Gedankenreise“. Und es gab keinen Zweifel, wer sie führte. Ich löste mich aus meiner Starre und der unbequemen Haltung und beschloss einfach mitzumachen. Und je mehr Dinge ich nannte, desto lustiger fand ich das Spiel. Ich vervollständigte das Bild mit dem Kokosnussverkäufer, den Drachenständen, Muscheln und Sandburgen. Die Kinder mit Elfen, Zauberern, Schmetterlingen und einem Klavierspieler. Ich lachte. Das Bild war auch zu komisch. Und ich hatte viel mehr Spaß, als zuvor in meiner erstarrten komischen Position, bemüht um innere Stille.

Die Kinder sind meine Lehrmeister auf dem Weg zum Glitzermeer. ♥

  1. Der Artikel erinnert mich an die Zeit als meine Kinder noch kleiner waren. Es gibt dazu ein schönes Zitat von Jack Kornfield „Unsere Kinder sind unsere Meditation“. Weiterhin viel Spaß!

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