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Selbstwertgefühl von Kindern stärken | bedingungslose Liebe

GASTARTIKEL

Es wird immer mehr zur Gewohnheit, dass wir Sonntag abends den Tatort schauen. Letzte Woche war es kein wirklicher Tatort, sondern “Schimanski”, der ja einst ein bekannter Kommissar im Tatort war. Er war dieses Mal auf der Suche nach einem Mädchen, dass ihrer vermeintlichen Großen Liebe geradewegs in die Fänge von Prostitution geraten ist. Als Erwachsener schaut man das und denkt: “Wow, wie kann man so naiv sein.” Gleichzeitig weiß man – das hat nicht unbedingt etwas mit Naivität zu tun. Das ist Pubertät und Hormonüberfluss. Im Film wurde immer wieder erwähnt “Da kannst Du nichts machen.” Und das stimmt erschreckender Weise auch irgendwie. In der Situation kann man nicht durch einfaches Reden einen Teenagerkopf “zurechtrücken”. Für Eltern ein Horrorszenario. Dem man – meiner Meinung nach – viel viel früher versuchen kann entgegenzusteuern. Nämlich bereits am ersten Tag nach der Geburt.

Und hier geht es mir gar nicht allein um die Mädchen. Denn neben Prostitution gibt es Drogenhandel, Rechtsradikalismus, sonstiger Radikalismus. Kurz und gut: Genug, wovor wir uns als Eltern fürchten. Für unsere Kinder. Aber auch für die anstehenden Konflikte, die die Pubertät ganz sicher mit sich bringen wird.

Wir wünschen uns dann oft selbstbewusste Kinder, die nicht so blind und naiv den “falschen Freunden” folgen. Die gerade stehen für das, was sie nicht mitmachen wollen. Die ihre Grenzen kennen. Und auch die anderer. Nur dafür allein reicht ein gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein nicht. Denn das ist erschütterbar. Was unsere Kinder wirklich brauchen ist ein gutes Selbstwertgefühl. Mir war dieser feine Unterschied lange nicht bewusst. Das merkt man daran, dass mir immer wieder gesagt wurde, ich wäre so selbstbewusst. Und ich fühlte mich auch oft so. Gleichzeitig fand ich mich in meiner Welt nicht zurecht, tat Dinge, von denen ich wusste, dass sie mir nicht gut tun würden, aber die mir in der Gruppe Punkte sammelten. Die mich für kurze Momente aufblühen und glücklich erscheinen ließen. Am nächsten Morgen allerdings nur zerplatzte Seifenblasen mit einem anhaltend bitteren Nachgeschmack waren.

Wie also kann ich es schaffen, dass mein Kind im Vorfeld sieht: das wird mich nicht glücklich machen, das tut mir nicht gut, das will ich eigentlich und deshalb ganz und gar nicht, das ist nicht meins?

Bedingungslose Liebe

Ich denke dazu braucht es einiges. Aber vor allem: bedingungslose Liebe. Das klingt kitschig, ist aber viel mehr als Tragetuch oder Familienbett. Es ist die Gute-Nacht-Geschichte am Abend, auch wenn vorher die Zahnbürste durchs Bad flog. Es ist die feste Umarmung auch nach dem 5. Wutanfall in den letzten zwei Stunden. Es ist: das Streichen von an Bedingungen geknüpfte Elternliebe. Denn ein “dann hat die Mama Dich nicht mehr lieb” macht Angst. Es macht auf Dauer gefügig oder noch “trotziger”. In keinem Fall nährt es das Selbstwertgefühl eines Kindes. Wie kann es auch, wenn ein innerer Trieb, eine Handlung, die oft selbst nicht verstanden wird, mit Liebesentzug bestraft wird?
Es muss doch Konsequenzen lernen? Die lernt es. Ganz natürlich. In dem ein Spielzeug kaputt ist, wenn es heruntergeworfen wurde. In dem die Mama schlichtweg und authentisch einmal wütend, aber nicht nachtragend und künstlich “böse” ist.
Ein Kind, das das Gefühl hat, um die Liebe der Eltern kämpfen zu müssen, wird alles tun, um diese zu bekommen. Auch Dinge, von denen es ahnt, dass sie eher negative Aufmerksamkeit bringen. Versprochen!

Grenzen wahren

Das “Nein!” wird ab einem gewissen Alter oft das Hauptwort unserer Erziehung. Es ist kurz und hin und wieder auch wirksam. Auf die Schnelle mag uns nichts Besseres und Prägnanteres einfallen. Wenn jedoch unsere Kinder “Nein!” sagen, wird das selten akzeptiert. Sie sollen doch bitte mehr essen, den dicken Wollpulli überziehen, oder nochmal schnell aufs Klo gehen, bevor wir das Haus verlassen. Wir bestehen damit aber oft auf dem Überschreiten von körperlichen Grenzen, die unsere Kinder spüren. Während wir ihnen vermitteln: Du spürst Dich nicht richtig. Du weißt nicht, was gut für Dich ist. Und irgendwann spüren sie sich tatsächlich nicht mehr. Essen, wenn etwas dasteht. Vergessen aufs Klo zu gehen oder ziehen zu wenig an – weil sie nun niemand erinnert.

Aber auch die persönlichen Grenzen werden gern überschritten. “Gib der Oma ein Bussi.” “Du musst doch Deinen Bruder lieb haben.” “Entschuldige Dich bei dem Buben!” Handlungen, die nicht aus innerer Überzeugung kommen. Vielmehr die den inneren Gefühlen in dem Moment widersprechen.

Immer und immer wieder geben wir unseren Kindern so das Gefühl: Was Du empfindest ist falsch! Das beginnt als Baby, wenn das Weinen schnell gestillt werden muss, wenn nicht einmal erwähnt wird “Du musst jetzt furchtbar weinen, Du bist ganz außer Dir, weil Dich irgendetwas stört. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber ich versuche, es herauszufinden.” Wenn stattdessen geschaukelt und gesssshhhhhht wird, wenn alle Register gezogen werden, die helfen, dass Babys nicht weinen. Und hierbei möchte ich erwähnen, dass ich absolut nicht dafür bin, dass Babys weinen gelassen werden, dass ich der Meinung bin, dass jedes Weinen einen Grund hat. Ich mag es nur nicht befürworten, dass auf Teufel komm raus das Weinen gestoppt wird, ohne herauszufinden, was der Grund ist. Und nein, wir wissen es oft nicht, wir finden es nicht heraus, aber dann ist es ehrlicher, genau das dem Kind auch zu sagen. Denn auch wenn sie sich noch nicht mit Worten ausdrücken können, so verstehen sie bereits sehr viele davon.

Zutrauen und Zulassen

Aber nicht nur Babys, auch Kleinkinder weinen und haben Gefühle, die wir oft nicht verstehen. Das müssen wir auch gar nicht. Wichtiger ist, dass wir sie versuchen weitestgehend anzunehmen. Dass wir einsehen: “Ich verstehe das gerade überhaupt nicht, aber Dir ist das enorm wichtig.” Und dann kann ich immer noch überlegen, was mir wichtig ist und ob ich es akzeptiere, dass ich jetzt aufstehe und die Milch aus der roten in die blaue Tasse schütte, oder nicht. Die Frage ist hierbei nicht das ob, sondern das Wie. Denn ich kann meinem Kind Zutrauen, dass es nun mal nicht das bekommt, was es will. Ohne dabei zu behaupten, der “Trotzkopf” kann doch nicht “mit allem durchkommen”. Ich kann einfach auch meine Grenzen klar aufzeigen und sagen: “Das ist Dir extrem wichtig, ich will das jetzt so aber nicht.” Und ja, das darf schwerfallen. Das darf Thatralischzubodenfallend schwer fallen. Wenn wir als Erwachsene diese Gefühlsausbrüche unserer Kinder aushalten, wenn wir sie zulassen und unser Kind dadurch begleiten, dann erlauben wir unseren Kindern mit Frustration und unangenehmen Gefühlen fertig zu werden. Etwas, was uns selbst oft so schwer fällt.

Lob

Als ich einmal meinen ehemaligen Kollegen gegenüber erwähnte, dass wir unsere Kinder frei von Lob und Tadel erziehen, war die erste Reaktion: “Aber Lob ist doch ein menschliches Grundbedürfnis!” So weit treibt uns also das Loben! Dass wir glauben, ohne ihm nicht existieren zu können. Wertschätzung und Anerkennung sind dagegen Floskeln, mit denen wir oft nicht wirklich genährt und glücklich sind. Leider können wir vom Lob wirklich abhängig werden und beginnen Dinge so zu tun, dass sie, statt uns Freude zu bereiten Lob und in unseren Augen damit Anerkennung und Ruhm bringen. Mehr dazu hier.

Label und Schubladen

Zu all dem gehört, dass wir unsere Kinder nicht in Schubladen stecken. Weil sie einfach heute mal trotzig sind, oder vielmehr schlecht gelaunt. Weil sie gern verträumt aus dem Fenster schauen, anstatt zu essen, weil sie für das einstehen, was ihnen wichtig ist. Weil sie nun einmal gerade diese zwei Schaufeln brauchen und auf keinen Fall eine davon hergeben wollen! Stur, zickig, eigensinnig? Oder von Natur aus standhaft, willensstark und individuell? Wir alle haben sicher irgendwelche Label erfahren als Kinder und erinnern uns, wie sehr es weh tat, wenn sie uns um die Ohren gefetzt wurden. Oder gar in Gesprächen unserer Eltern einfach so fielen, unbedacht unserer immer wachsamen Ohren. Sie bleiben hängen und wenn wir dann als Teenager verwirrt und verzweifelt sind, unserem eigenen Körper nicht mehr folgen können, und genau diese Knöpfe dann durch die eben unvermeidbar unangenehmen Aussagen anderer Teens gedrückt werden, kommt statt einem sicheren Selbst nur wieder die gleiche Angst, Wut und Frustration herauf wie damals schon, als wir uns als 4-Jährige auf Biegen und Brechen nicht für das Wegnehmen der Puppe entschuldigen wollten.

Der Post ist lang geworden und ich könnte ewig weiter schreiben. Weil es unzählig tausende Beispiele gibt, wie wir das Selbstwertgefühl unserer Kinder stärken und nähren können, und wie nicht. Tatsache ist jedoch: Je weniger wir aktiv tun, je weniger wir eingreifen und versuchen zu erziehen, je weniger wir uns fürchten vor Manipulation und schlechten Manieren, umso höher die Chance auf ein gutes Selbstwertgefühl unserer Kinder. Versprochen!

weiterführende Literatur:
Alfie Kohn, “Liebe und Eigenständigkeit”

Über die Autorin:

Nadine Hilmar

www.buntraum.at

  1. Ein wunderbarer Artikel, danke dafür!

  2. Susi.k@webmail.com

    Ich finde es wichtig Kindern zu vermitteln, dass Teilen eine wichtige Sache ist und man anderen Kindern die Puppe nicht weg nimmt, schließlich will man selbst ja auch nicht so behandelt werden. Aber gut, solange das Selbstwertgefühl des eigenen Kindes gut ist, ist ja alles in Ordnung.

    • Ich finde es ist wichtig das vorzuleben: „Man“ tut das oder das nicht, ist für Kinder nicht begreifbar und führt deshalb selten zu einem positiven Ende. Wenn das Kind die Trauer und den Zorn zeigen will, dann soll es das auch dürfen. Klar ist dieser Weg kein einfacher…
      Kinder machen uns ohnehin alles nach 😉 – so geht es auch ohne viel Erziehung.

      • Ich finde sehr vieles in dem Artikel wirklich gelungen verfasst und auch sehr anregend. Finde auch vorallem das Fallbeipiel mit der Puppe etwas schwierig. Mit dem Gedanken einfach tatenlos zuzusehen wie mein Kind jemand anderes etwas wegnimmt und das vlt immer und immer wieder, damit kann ich mich nicht so ganz anfreunden. Ich bin selbst der Meinung das sich Kinder ab einem gewissen alter (ab beginn von sprache ca) sehr viel selber untereinander ausmachen können und auch sollen. Wichtig finde ich es nur, dass man im richtigen Moment denkanstösse einwirft, vorallem dann wenn das ganze sehr unfair wird. Da ist es wichtig das man sich auch die Zeit nimmt etwas genauer zu erklären. Das glaube ich, ist sehr häufig ein Problem, wenn ich Eltern nur „NEiN“ rufen höre. Das kann ein Kind nicht einordnen. Es benötigt mehr input um zu einem Verständnis zu kommen. Erklären warum das andere Kind traurig ist, versuchen das Kind dorthin zu bringen sich einzufühlen wie es für es selber wäre etc…
        Wenn man das im Hinterkopf hat und ansonsten das Kind viel „einfach machen“ lässt denke ich ist das eine gute Mischung

        • Danke für diesen Input und den ausführlichen Kommentar!
          Ich bin ja selber nicht Verfasserin des Beitrags, finde es aber wichtig, sich damit auseinander zu setzen.
          Wo man nun genau eingreifen will – oder sein Kind aus der Situation nehmen mag, obliegt uns und unserer Einschätzung. Ob „richtig“ oder nicht, ist ohnehin nicht zu sagen…. sich aber damit auseinander zu setzen macht schon einen großen Unterschied zu dem, was wir zumeist als Kinder erfahren haben.
          GLG Daniela

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